DAS PALAIS KÁROLYI

Ein bedeutendes Baudenkmal der klassizistischen Architektur der ungarischen Hauptstadt ist das Palais Károlyi. Nur die die Umrisse des heutigen Palais bildenden Mauern stammen aus dem 17.-18. Jahrhundert. Die architektonischen Akzente und Verzierungen des Palastes entstanden fast ohne Ausnahme während der großen Umbauarbeiten, die mit dem Namen der Familie Károlyi verbunden sind, im so genannten Reformzeitalter zwischen 1832 und 1841.

Das Gebäude war einer der bedeutendsten hochadeligen Palais im Pest des 19. Jahrhunderts. Seine architektonischen Werte sind seiner kulturgeschichtlichen Relevanz ebenso ebenbürtig wie den historischen Momenten, denen das Gebäude als Schauplatz diente.
 
         Im Gewimmel der Innenstadt, zwischen den hohen Häusern der engen Straßen bietet sich das zweigeschossige Gebäude mit seinen ausgeglichenen, abgeklärten Formen und Ruhe ausstrahlenden Proportionen unerwartet dar. Die kraftvollen, gekröpften Teilsimse, die sich mit ihrem Kämpfergesims anschließenden gewölbten Fenster führen das Auge an der Hauptfassade des Gebäudes entlang. Über dem Dreiertoreingang erstreckt sich ein Balkon mit Steinkonsole und Eisengeländer. Der stufenförmige Giebel oben ist mit dem Grafenwappen der Familie Károlyi gekrönt. Auf dem Wappenschild ist das heraldische Tier des Geschlechtes, ein das Herz in seinen Krallen haltender Sperber zu sehen. Die Seitenfassade in der Ferenczy Straße bewahrt die der Hauptfassade ähnliche klassizistische Gliederung. Der Seiteneingang mit geradem Sturzgesims wird von zwei toskanischen Pilastern in die Mitte genommen. Die Seitenfassade in der Henszlmann Straße entstand nach 1934 als treue Adaptation der ursprünglichen Architektur, nachdem das benachbarte Harruckern-Wenckheim-Haus abgerissen worden war. Hinter der Hauptfassade des Palastes erblickt man, wenn man durch die mit Holzklötzen gepflasterte Durchfahrt kommt, einen Hof mit Rasen, der von den Gebäudeflügeln in U-Form umgeben ist. Ein Zaun trennt das Gebäude vom unlängst erneuerten Károlyi-Park, der einst ganz bis zur Magyar-Straße zum Palast gehörte, und seit 1928 eine öffentliche Parkanlage ist. Vom Garten her, eröffnet sich im weiten Raum vor uns die imposante, zweigeschossige innere Fassade im Hof. Über den Portalöffnungen des mit einem Tympanon abschließenden Mittelrisalits bildet wieder ein Balkon, auf welchen die gewölbten Fenster der Museumsbibliothek sich öffnen, das zentrale Motiv.

            Aus der Torhalle kommt man in der Mitte über einen mit Arkaden geschmückten Dreiereingang zum Marmor-Treppenaufgang, der mit einem Gusseisengeländer und Kandelabern verziert ist. Im Haupttreppenhaus befinden sich über dem Trenngesims gewölbte Blindarkaden mit einem Kämpfergesims, zwischen ihnen ragen je zwei Wandpfeiler mit verziertem Aufsatz bis zum gekröpften Gesims hinauf. Die gewölbte Form der drei Glastüren im Obergeschoss mit Kämpfergesims steht mit der Ausgestaltung im Erdgeschoss im Einklang, das Motiv der drei Arkadenbögen wiederholt sich auf der gegenüberliegenden Seite der Vorhalle. Den Raum über dem Treppenabsatz der Vorhalle schließt die verzierte Eisenkonstruktion des riesigen Glas-Satteldaches ab. Die durch Mauerpfeiler gegliederten Wände der vor der Bibliothek befindlichen Aula (163 m2) werden durch die Porträtgalerie der Familie Károlyi geschmückt. Die mit feinen architektonischen Gliederungen dekorierten, kraftvoll ausgebildeten Mahagoni-Holzmöbel, die die Einrichtung der 1838 erbauten Bibliothek bildeten, sind ebenfalls unversehrt erhalten geblieben. Die Galerie und die Bücherschränke wurden mit individuell entworfenen Lesesaal-Möbeln ergänzt.

Von den Sälen des Hauptflügels, die auf die Mihály Károlyi Straße gehen, erhielten im Laufe der im Dezember 2000 beendeten, das ganze Gebäude umfassenden Renovierung fünf Räume ihre ursprüngliche Ausgestaltung: der Festsaal, der Balkon-Saal, der Rote Saal, der Lotz-Saal und der Spiegelsaal. Die Rekonstruktion der historischen Interieurs sowie die Wiederherstellung der Textil- und Papiertapeten, der Vergoldung bzw. der Kunstmarmor- und Stuckverkleidungen wurde durch die Rekonstruktion der Kamine und Kronleuchter ergänzt.

         Der imposanteste Saal ist der Festsaal (120 m2) mit seinen fünf Fenstern und der Marmorverkleidung, in welchem über dem fein gemeißelten Marmorkamin drei riesige Spiegel prangen. Auf der Längsseite werden die Fensteröffnungen sowie ihnen gegenüber die zwei Türen und die drei Spiegel von je zwei Paaren korinthischer Wandpfeiler umfasst, während bei den Eingängen an der kürzeren Seiten je ein Wandpfeiler bis zum reich verzierten Stuckgesims unter der Decke emporragt. Die weißen Wände des dreifenstrigen, neben dem Festsaal liegenden, sich auf den Balkon der Hauptfassade mit Eisengeländer öffnenden Balkon-Saals (78 m2) ist mit weißem Kunstmarmor verkleidet. Der heute als Lotz-Saal bekannte Salon (96 m2) erhielt seinen Namen nach dem Wandgemälde an seiner Decke. Das die Musen darstellende Gemälde von Károly Lotz (1833–1904) wurde 1942 aus dem zum Abbruch verurteilten Wodianer-Palast (Ferenc Liszt Platz 3.) in die damals als Hauptstädtische Gemäldegalerie funktionierende Institution gebracht. Die Decke des als Roter Salon bekannten Raumes (94 m2) ist im Original erhalten, die die Wände bedeckende Draperie wurde auf Grund der während der Restauration freigelegten Stoffmuster neu geplant und angefertigt. Die Wände des Musiksaales oder Spiegelsaales sind mit einer verzierten tabakbraun-goldenen Holzverkleidung (boiserie) bedeckt, in welche die in den Interieurs des vergangenen Jahrhunderts eine so bedeutende Rolle spielenden Spiegel eingefügt sind.

Der benachbarte Raum, der heutige Bártfay-Salon, erinnert durch seine Benennung an László Bártfay (1797-1858), den Sekretär des Grafen György Károlyi. Der Raum gehörte ursprünglich zum Appartement der Gräfin. Auf den Flur tretend kommt man in den Raum, der einst als Blumensalon, dann als Gemäldegalerie diente und dessen Wände wie die der Kapelle mit einer gemusterten grünen Damasttapete verkleidet sind. In den Tür- und Fensterfüllungen sowie an der Decke der Kapelle ist die geschnitzte, wunderbare Holzverkleidung glücklicherweise erhalten geblieben. In den beiden Räumen des ehemaligen Károlyi-Archivs im Erdgeschoss ist ebenfalls wieder die ursprüngliche klassizistische Einrichtung aus dem 18. Jahrhundert zu bewundern.

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